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Sight-reading — what actually happens in the head

Practised readers do not decipher single notes but recognise groups — and their eye runs about a second ahead of the hand. How that lead is built and which exercises produce it.

Maik Krohm

Was geübte Leser anders machen

Wer flüssig vom Blatt spielt, liest keine einzelnen Notenköpfe. Untersuchungen zur Augenbewegung beim Notenlesen zeigen dasselbe Bild wie beim Textlesen: Das Auge springt in Sprüngen über die Zeile und verweilt an wenigen Punkten. Zwischen diesen Fixationen wird nichts gelesen. Was aufgenommen wird, sind Gruppen — ein Dreiklang, eine Tonleiterfigur, ein bekannter Rhythmus.

Der zweite Unterschied ist der Vorsprung. Geübte Leser schauen dort, wo die Hand in etwa einer Sekunde sein wird, nicht dort, wo sie gerade ist. Dieser Abstand heißt Eye-Hand-Span, und er ist das eigentliche Maß für Leseflüssigkeit. Anfänger haben ihn nicht: Sie sehen die Note, spielen sie, und suchen dann die nächste. Deshalb stockt es nach jedem Ton.

Der dritte Unterschied ist das Weiterspielen. Wer vom Blatt spielt, korrigiert nicht. Ein falscher Ton, der im Tempo bleibt, ist im Zusammenspiel folgenlos; ein richtiger Ton, für den man anhält, reißt das Stück auseinander. Das ist die schwierigste Umstellung für alle, die vom geduldigen Einstudieren kommen.

Wo das Auge steht, während die Hand spieltWo das Auge steht, während die Hand spielt1+2+3+4+Hand spieltAuge liestEtwa eine Sekunde Vorsprung: Während Zählzeit 1 klingt, ist der Blick schon bei Zählzeit 3.

Gruppen statt Zeichen

Der Weg zur Gruppenerkennung führt über Vertrautheit mit wenigen Bausteinen. Praktisch sind es drei Sorten: Dreiklänge in allen Umkehrungen, Tonleiterausschnitte von drei bis fünf Tönen und die geläufigen Rhythmusfiguren. Zusammen decken sie geschätzt den größten Teil dessen ab, was in einfacher Literatur vorkommt.

Dazu kommt das Denken in Intervallen statt in Absolutnamen. Wer jede Note einzeln benennt, hat pro Ton eine Entscheidung zu treffen. Wer den Abstand liest — „eine Terz aufwärts, dann eine Sekunde abwärts“ — hat die Bewegung erfasst und kann sie auf dem Instrument direkt ausführen. Auf Tasteninstrumenten ist das besonders wirksam, weil die Hand die Abstände körperlich kennt.

Der dritte Baustein ist das Erkennen der Struktur vor dem Spielen. Bevor der erste Ton erklingt, sollte man dreißig Sekunden auf das Blatt sehen: Tonart, Taktart, Tempo, auffällige Vorzeichen, und vor allem — wiederholt sich etwas? In den meisten einfachen Stücken kommt die erste Zeile später noch einmal. Wer das vorher sieht, liest die Hälfte des Stücks nur einmal.

Ein vierter Punkt, der oft unterschätzt wird, ist die Tonart. Wer vor dem ersten Ton die Vorzeichen bewusst zur Kenntnis nimmt und die zugehörige Tonleiter innerlich abruft, liest danach nicht mehr einzelne Kreuze und B, sondern hat ein Raster im Kopf, in das die Noten fallen. In Stücken mit vier und mehr Vorzeichen macht dieser eine Blick den Unterschied zwischen flüssig und stockend.

Was geübte Leser als EINE Einheit sehenWas geübte Leser als EINE Einheit sehenDreiklangdrei Köpfe, ein BildLaufdrei bis fünf StufenRhythmusbekannte FigurWiederholungschon gelesenNicht zwölf Zeichen, sondern vier Einheiten. Das ist der ganze Unterschied.

Übungen, die den Vorsprung aufbauen

Die Abdeck-Übung. Ein Mitspieler hält ein Blatt Papier über die Noten und schiebt es so nach rechts, dass immer genau zwei Takte vor der spielenden Hand sichtbar sind — und dabei die schon gespielten Takte zudeckt. Das erzwingt den Vorsprung, weil das Zurückschauen unmöglich wird. Fünf Minuten davon sind anstrengender als eine halbe Stunde gewöhnliches Üben.

Täglich neues Material, deutlich unter dem eigenen Niveau. Blattspiel übt man nicht an schweren Stücken, sondern an leichten, die man noch nie gesehen hat. Zehn Minuten am Tag mit Material, das zwei Stufen unter dem Repertoire liegt, bringt mehr als eine Stunde pro Woche an anspruchsvollen Sachen. Genau dafür eignen sich große Sammlungen einfacher gemeinfreier Stücke — die 30 kurzen Stücke von Horetzky oder die Etüden von Czerny und Burgmüller sind schnell erschöpft, wenn man sie lernt, aber unerschöpflich, wenn man sie liest.

Ohne Instrument lesen. Eine Zeile ansehen und innerlich hören, ohne zu spielen. Danach erst spielen und vergleichen. Diese Übung trennt das Lesen vom Greifen und ist der Grund, warum gute Blattleser oft auch gute Gehörbildner sind.

Metronom als Zwang. Blattspiel mit Metronom, in einem Tempo, das sicher machbar ist. Das Metronom verbietet das Anhalten. Wer stehen bleibt, hat verloren, und genau diese Regel baut die Gewohnheit auf, über Fehler hinwegzuspielen.

Aus der Unterrichtspraxis

Ich lasse Schüler in jeder Stunde zwei Minuten vom Blatt spielen, und zwar mit Material, das ich vorher nicht angekündigt habe. Die Regel lautet: einmal durch, keine Korrektur, kein Anhalten. Anfangs ist das unangenehm, weil es ungewohnt ist, etwas bewusst unfertig zu lassen. Nach etwa zwei Monaten ist es der Teil der Stunde, den die meisten am wenigsten fürchten.

Für Kinder funktioniert die Rhythmus-Trennung am besten: erst nur den Rhythmus klatschen, dann nur die Tonhöhen ohne Rhythmus spielen, dann beides. Der häufigste Blattspielfehler bei Kindern ist nämlich nicht der falsche Ton, sondern die falsche Dauer — sie lesen die Tonhöhe und raten den Wert.

Bei Erwachsenen, die vom Auswendiglernen kommen, ist die Hürde eine andere: Sie können nicht ertragen, dass etwas fehlerhaft klingt. Hier hilft ein deutlicher Rahmen — „das ist jetzt kein Vorspiel, sondern Lesen, und Lesen darf holprig sein“. Ohne diese Erlaubnis übt niemand Blattspiel, weil es sich schlecht anfühlt.

Typische Fehler

Zu schnell anfangen. Blattspieltempo ist das Tempo, in dem die schwerste Stelle noch gelingt — meist deutlich langsamer, als das Stück gemeint ist. Wer im vorgeschriebenen Tempo beginnt, bricht in Takt drei ab und übt damit genau das Abbrechen.

Auf die Hände schauen. Jeder Blick nach unten kostet den Vorsprung. Bei Tasteninstrumenten ist das trainierbar: Der Weg zu den Tasten ist bekannt, die Hand findet ihn ohne Augen. Bei der Gitarre ist es schwerer, aber auch dort gilt: lieber einen falschen Bund greifen als den Faden verlieren.

Immer dieselben Stücke lesen. Sobald man ein Stück kennt, ist es kein Blattspiel mehr, sondern Erinnerung. Blattspiel braucht ständig neues Material — das ist der einzige wirkliche Aufwand an dieser Übung.